In den vergangenen Monaten konnte in den Medien immer wieder von Insektensterben gelesen werden. Wir wollten von Sven Bacher, Professor am Departement für Biologie wissen, was er über das Insektensterben denkt, und fragten ihn nach den Ursachen und nach Handlungstipps.

 

Herr Bacher, warum sollten wir uns mit dem Thema Insekten beschäftigen?

Die meisten Menschen wissen nicht, dass ¾ aller Arten auf der Welt Insekten sind. Sie stellen somit einen grossen Teil der Biomasse dar und kommen in fast allen Lebensräumen vor, wo sie unterschiedliche Funktionen wahrnehmen. Wir sprechen oftmals nur von den “Bestäubern”, doch es gibt beispielsweise auch die “Zersetzer”, die totes Material zersetzen. Mikroorganismen bereiten dieses zersetzte Material in Nährstoffe für Pflanzen auf. Insekten dienen ebenfalls als Nahrung für andere Tiere oder kontrollieren Arten, damit beispielsweise keine Schädlinge entstehen. Sie regulieren z.B. Parasiten und Pflanzenschädlinge. Obwohl es in der Natur kein Gleichgewicht gibt, wie es oft in den Lehrbüchern steht, sorgen die Insekten dennoch für eine gewisse Stabilität. Vor zwei Jahren gab es in der Öffentlichkeit einen ersten Aufschrei bezüglich der Insekten, weil ein deutsches Forschungsteam herausfand, dass in deutschen Naturschutzgebieten innerhalb von wenigen Jahrzehnten mehr als 80% aller fliegenden Insekten verschwunden sind. Im Januar ist ein weiterer Artikel erschienen, welcher erneut viel Medieninteresse ausgelöst hat. Darin wurde geschildert, dass weltweit die Insekten zurückgehen.

 

Was sind die Ursachen für das genannte Insektensterben?

Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die Einfluss haben und von denen die verschiedenen Insektengruppen unterschiedlich betroffen sind. Mich beunruhigt in letzter Zeit der Vorwurf, dass die Wissenschaft darauf reduziert wird, einfache Erklärungen auf komplexe Fragestellungen geben zu müssen. Wir müssen uns damit abfinden, dass gewisse Dinge komplexe Ursachen haben. Das Insektensterben ist ein gutes Beispiel dafür: Es ist kein monokausales Phänomen und wir können die Ursachen bisher nicht sicher benennen.

 

Pestizide werden jedoch oft als Ursache genannt.

Genau. Es ist ein Thema, dass auf der politischen Ebene einfach angegangen werden kann. Wir haben jedoch kaum Indizien, in welchem Ausmass Pestizide für das Insektensterben verantwortlich sind. Wir haben noch keine harten Daten dazu. Im Labor können wir auf einfache Art und Weise zeigen, dass Insekten durch Pestizide sterben. Das wird auch in der Natur passieren, aber ob es deswegen weniger Insekten gibt, können wir nicht definitiv sagen. In den deutschen Naturschutzgebieten gab es keine Pestizide und trotzdem sind die Populationen zurückgegangen. In den Medien wurden jedoch die Pestizide zur Hauptursache stilisiert – eine problematische Argumentation.

 

Das Bienensterben ist seit dem Film “More than Honey” ein viel diskutiertes Thema. Was sagen Sie dazu?

Albert Einstein hat einmal gesagt, dass zuerst die Bienen sterben, dann die Menschen. In unseren Breitengraden sind Bienen die Hauptbestäuber von Kulturpflanzen. Die Honigbienen sind jedoch zu fast 100% kontrolliert, d.h. sie werden von Imkern gezüchtet und gepflegt. Der Film “More than Honey” zeigt in den USA genau diese Industrie auf. Weil es sich um eine Industrie handelt, müssen wir uns keine Sorgen machen, dass die Bienen aussterben werden. Es können einfach neue gezüchtet werden. Wir sollten uns viel mehr über die natürlichen Bestäuber – wie die Wildbienen – unterhalten. Es gibt interessante Untersuchungen, die besagen, dass Wildbienen einen grösseren Anteil zur Bestäubung leisten als die Honigbienen. Das Sterben von Wildbienen wäre somit bedenklicher.

 

Was wären die Konsequenzen?

Zum Beispiel ein Lebensmittelverlust. In der Wissenschaft ist man sich jedoch nicht einig, wie gross die Auswirkung wäre, da viele unserer globalen Nahrungspflanzen – wie Reis, Mais und Weizen – keine Insektenbestäubung benötigen.

 

Warum wurde dieses Thema so populär?

Meiner Meinung nach ist nicht das Sterben der Honigbienen das Problem, sondern die Zerstörung der Nahrungsgrundlage der Insekten. Die Bienen werden nur emblematisch als Stellvertreter für die Zerstörung der Natur genommen, wie in den 1990er Jahren der Panda oder Eisbär. Die Biene wird instrumentalisiert, weil sie in Kinderbüchern vorkommt und sich die Leute damit identifizieren können. Die Biene ist ein “gutes” Insekt und damit lässt sich Politik machen. Niemand würde reagieren, wenn wir über Bodenmilben sprechen würden. Dabei sorgen zum Beispiel solche Milben und Hunderte andere “Krabbeltiere” dafür, dass der Boden Nahrung hat und Pflanzen wachsen können. Wahrscheinlich sind die “hässlichen” Insekten um einiges wichtiger als die Bienen oder schöne Schmetterlinge. Wir sollten deshalb stärker auf diese Gruppen achten.

 

Warum ist Klimawandel populärer als das Artensterben?

Beim Klimawandel haben wir klare und einfache Botschaften: Die Erwärmung darf 2 Grad Celsius nicht überschreiten. Diese Angabe verstehen die Leute und können darüber sprechen. Die Biodiversität hingegen ist schwammig und den Forschern ist es noch nicht gelungen, einfache Botschaften zu formulieren. Wie gesagt, man hat es mit Pandas oder Eisbären versucht, aber das sind nicht die “grossen” Probleme.

 

Was sind die “grossen” Probleme?

Das Insektensterben ist bereits ein grosses Problem. Insekten haben wahnsinnig viele Funktionen. Wenn wir jedoch sagen “Insekten sterben aus”, dann bringen wir viele Insektenarten mit unterschiedlichsten Funktionen zusammen. Es wird diffus und damit sind die Konsequenzen für viele Leute schwierig zu erfassen. Wie gesagt, wird über die Gründe des Insektensterbens spekuliert und der Pestizideinsatz wird oftmals als Grund genannt. Dieser Grund wird auf einige Insekten zutreffen, aber auch auf viele eben nicht. Dasselbe bei der intensiven Landwirtschaft oder der ausgeweiteten Bautätigkeit, die vielen Arten die Lebensräume wegnehmen. Praktisch alle nutzbaren Flächen in der Schweiz sind vom Menschen besiedelt oder werden durch die Landwirtschaft genutzt. Wir haben einen enormen Einfluss auf die Biodiversität.

 

Das Insektensterben ist also auf den Menschen zurückzuführen?

Es ist eigentlich alles auf den Menschen zurückzuführen. Wir müssen uns keine Hoffnungen machen, dass es natürliche Schwankungen sind. Zur Biodiversität haben wir einfach noch wenig konkrete Daten, die den direkten Einfluss des Menschen aufzeigen. Den Klimawandel können wir einfach mit globalen physikalischen Messungen bestätigen. Bei der Biodiversität wird es schwieriger. Wir wissen nicht, wie viele Arten es überhaupt auf der Erde gibt. Aber wir wissen, dass wir Arten um das Tausendfache schneller verlieren seit der Mensch auf der Erde ist. Hinzu kommt, dass Arten schneller aussterben als wir sie beschreiben können. Über die Mikroorganismen haben wir erst recht keine Ahnung. Wir sehen starke und schnelle Veränderungen in unserer Umwelt, die Ursachen und Auswirkungen kennen wir jedoch nicht. Es wäre vernünftig, Veränderungen zu verlangsamen und einzuschränken.

 

Wie wirkt sich der Temperaturanstieg auf die Insekten aus?

Die Erderwärmung ist ein globales, jedoch heterogenes Phänomen. Es wird somit nicht in allen Regionen wärmer werden. Die Schweiz gehört zu jenen Ländern, die überdurchschnittlich wärmer werden. Mit der Temperatur wird sich hier auch der Niederschlag verstärken. Für die Landwirtschaft und das Pflanzenwachstum ist das ein gutes Zeichen. Wir werden in Zukunft mehr auf derselben Fläche produzieren können. Wir werden – im Gegensatz zu afrikanischen Ländern oder beispielsweise Pakistan – die strahlenden Gewinner der Klimaerwärmung sein. Für die Insekten kann dies alles mögliche heissen. In den letzten Jahren haben wir beobachtet, dass sich vermehrt mediterrane Arten in der Schweiz angesiedelt haben, wie zum Beispiel die Holzbiene. In der Schweiz stellen wir auch eine Verschiebung der Arten in die Höhe fest. Das tückische an den Bergen ist jedoch, dass sie gegen oben spitz werden und sich dadurch die Fläche für Habitate vieler Arten verkleinert. Wenn sie auf der Bergspitze angekommen sind, sterben sie aus. Schwieriger wird es für Arten, die voneinander abhängen, z.B. durch Bestäubung. Ohne ihre entsprechenden Bestäuber, die durch den Klimawandel verdrängt wurden, werden auf sie angewiesene Pflanzen ebenfalls aussterben. Auch bei den Schädlingen müssen ihre natürlichen Feinde mitwandern, um die Populationen zu regulieren.

 

Gegner des Klimawandels argumentieren damit, dass durch den erhöhten CO2-Gehalt Pflanzen schneller wachsen. Warum geht diese Argumentation nicht auf?

Pflanzen wachsen tatsächlich schneller, nehmen aber weniger Nährstoffe und Spurenelemente auf. Die Überdüngung durch CO2 führt zu einer Verdünnung der Nährstoffe, d.h. die Nahrungsqualität der Pflanzen sinkt. CO2 ist ja nichts anderes als Dünger. Das kann Konsequenzen für die Arten haben. Vor einem halben Jahr wurde ein Paper publiziert mit der Aussage, dass insbesondere Schädlinge von der Klimaerwärmung profitieren werden. Sie können sich besser ansiedeln und verbreiten. Die Schweiz wird ebenfalls betroffen sein. Es handelt sich um eine Konsequenz für den Menschen durch die Insekten.

 

Was können wir als Einzelpersonen gegen das Insektensterben tun?

Es gibt einiges, was wir als Einzelpersonen tun können. Die extensive Landwirtschaft lässt mehr Biodiversität zu als die intensive. Als KonsumentIn sollten wir extensiv produzierte Produkte kaufen oder Bioprodukte. Wir unterstützen dann diese Produktionsart. Beim Einkauf im Supermarkt muss jedoch aufgepasst werden: Die Extramarge auf den Bioprodukten wird oftmals für die Querfinanzierung von gewöhnlichen Produkten benutzt. Empfehlenswert ist es somit, direkt beim Produzenten oder in einem reinen Bioladen einzukaufen.

 

Solche Aspekte müssen wir jedoch zuerst wissen.

Genau. Wir müssen allgemein besser verstehen, wofür die Biodiversität gut ist, was macht sie und wie viel wir von ihr brauchen. Es gibt Leute, die sagen, dass sie keine Biodiversität brauchen; andere finden, dass jede Art ein Recht auf Leben hat. Wir müssen uns wahrscheinlich in der Mitte dieser Extreme finden und begründen, warum wir dies wollen. Selbstverständlich müssen wir uns auch über die Konsequenzen im Klaren sein. Jene Leute, die alle Arten schützen wollen, müssen in Kauf nehmen, dass dafür die Erdbevölkerung drastisch reduziert werden müsste. Bei jeder Wunschvorstellung gibt es Konflikte. Wir müssen uns bewusst sein, wofür wir handeln: Wollen wir die Natur in einem “ursprünglichen” Zustand erhalten oder nur das Überleben der Menschheit sichern? Diese Fragen werden nicht explizit in der Gesellschaft diskutiert und dabei wäre es so wichtig.

 

Das Thema Nachhaltigkeit ist momentan in aller Munde und viele Menschen engagieren sich für einen positiven Wandel. Zeigt sich diese Veränderung?

Es werden immer wieder internationale Umweltabkommen geschlossen, doch bisher hat die Natur global gesehen davon wenig profitiert. Auch wie wir als Individuen handeln, ist nicht zielführend. Viele Leute meinen, dass, wenn sie eine Energiesparlampe einsetzen und ihren Abfall recyceln, sie die Welt schon fast gerettet haben. Es ist nur ein psychologisches Pflaster und das ist vielen nicht bewusst.

 

Brauchen wir somit Regelungen für eine positive Veränderung?

Unbedingt. Die Umwelt ist ein Allgemeingut, von dem alle profitieren, auch diejenigen, die sie stark belasten. In der Schweiz wird oftmals an die Eigenverantwortung appelliert, um die Umwelt zu schützen. Doch wenn der Nachbar in die Karibik fliegt, warum soll ich es ihm nicht gleichtun? Warum soll ich verzichten? Wenn es um ein Allgemeingut geht, ist es falsch, auf die Vernunft des Einzelnen zu pochen. Wir brauchen Regelungen, die für alle gelten. Es ist klar, dass nur wenige ihre Verhalten ändern werden, wenn die Allgemeinheit nicht mitmacht. Es handelt sich hier um ein wirtschaftliches Gesetz: Wenn es um common goods geht, nützt Einzelinitiative nichts. Wenn wir also etwas verändern wollen, brauchen wir Gesetze. Es sind gesellschaftliche Fragen, die diskutiert werden müssen. Dabei müssen wir uns auch der Konsequenzen bewusst sein – für uns und für unsere Kinder. Wir müssen alle handeln. Es gibt keine Entschuldigung.

 

Interview von Anna Zikeli und Kerstin Bütschi geführt

 

Prof. tit. Dr. Sven Bacher ist Professor am Departement für Biologie an der Universität Fribourg. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Ökologie. Er beschäftigt sich mit allen angewandten Aspekten der Ökologie, wobei Schadorganismen und gebietsfremde Arten im Zentrum stehen.