Das abgepackte, konsumfertige Produkt aus dem Supermarkt kennen wir alle gut. Einige kennen vielleicht auch manche Früchte und Beeren aus dem Garten. Doch wie funktioniert der kommerzielle Anbau? Was geschieht hinter den Kulissen? Eine Bauerntochter gewährt Einblicke.

Ich bin auf einem Bauernhof im Thurgau aufgewachsen. Wir haben einen Obstbetrieb, obwohl wir früher auch noch Kühe hielten, und produzieren seit diesem Jahr biologische Produkte. Wir haben uns für eine Umstellung zu Bio entschieden, da die Nachfrage danach sehr hoch ist.

Ich würde euch hier gerne einen Einblick in die Produktion von unseren verschiedenen Lebensmitteln geben.

Als erstes ein paar allgemeine Informationen: Unser Betrieb ist ca. 20 Hektaren gross, davon etwa 6 ha Äpfel und 2 ha Birnen und 1 ha Himbeeren, Kirschen und Tafeltrauben. Meine Eltern und mein Bruder führen den Betrieb gemeinsam. Zudem werden wir durch Gastarbeiter aus Rumänien unterstützt. Arbeit gibt es meistens genügend und die Arbeitswochen sind lang (offiziell 55h/Woche). Die anfallenden Arbeiten sind sehr saisonal und die strengste Zeit ist während der Obst- und Traubenernte von Ende August bis Ende Oktober.

In diesem Blogpost möchte ich gerne die Produktion von Äpfeln und Birnen vorstellen:

Sorten

Wir produzieren ca. 3 Birnensorten und 12 Apfelsorten. Die Sorten verändern sich über die Jahre immer ein wenig, da wir uns der Nachfrage anpassen und sich die Präferenzen bei den Konsumenten immer wieder etwas ändern. Wir bauen dann mehr von den Sorten an, die gerade bei den Konsumenten gefragt sind und reduzieren unbeliebtere. Sortenvielfalt ist jedoch vor allem bei einer grossen Fläche wichtig, da durch die verschiedenen Reifezeitpunkte der Sorten die Arbeitslast etwas regelmässiger verteilt ist. Da sich nicht alle Apfelsorten für Bio-Produktion eignen, weil sie zu krankheitsanfällig sind, haben wir über die letzten Jahre auch deshalb die Sorten etwas anpassen müssen.

Arbeiten

Die Hauptarbeiten sind das Auspflücken im Sommer und das Ernten im Herbst. Auspflücken ist eine Handarbeit, wobei man einen Teil der noch kleinen Früchte abreisst (der Baum produziert viel zu viele Früchte), damit der Baum genug Energie für die restlichen hat, um diese gross und reif zu bekommen. Ausgepflückt werden ausserdem vor allem die unförmigen, kleinen oder kranken Äpfel, da der Apfel nur noch wächst und er deshalb nicht mehr „schöner“ wird. So kann also schon mal eine Qualitätsauswahl gemacht werden. Ausserdem haben Obstbäume Schwankungen in der Früchteproduktion: Wenn ein Baum ein Jahr ganz viele Früchte getragen hat, wird er im nächsten Jahr kaum Früchte tragen, das Jahr darauf aber wieder viele. Durch das Auspflücken wird die Anzahl Früchte pro Baum ausgeglichener gehalten. In der konventionellen, nicht biologischen Produktion wird die Anzahl der Früchte bereits vor dem Auspflücken mit Chemikalien reduziert. Dies ist jedoch bei Bio-Produkten nicht erlaubt, weshalb es mehr Handarbeit gibt.
Die Bäume müssen auch geschnitten, gespritzt und der Boden „gejätet“ werden. Auch die ganzen Anlagen müssen in Stand gehalten werden, das Gras gemäht und z.B. die Netze gegen Hagel geöffnet und geschlossen werden.

Spritzen

Natürlich wird auch bei biologischem Anbau gegen diverse Krankheiten und Pilze gespritzt. Ich will aber noch kurz erwähnen, dass auch bei regulärem, nicht biologischem Anbau recht strenge Vorschriften herrschen und nicht einfach masslos und jederzeit gespritzt werden darf. Bei biologischem Anbau wird es jedoch noch strenger und es werden vor allem andere Mittel gespritzt. Es gibt viele Mittel, z.B. Spritzmittel gegen Pilzkrankheiten, welche auf Schwefel basieren, dann gibt es Mittel mit Magnesium oder ein anderes Mittel auf Fenchel-Basis, die verwendet werden. Gespritzt wird gegen Pilze, Schorf, Schädlinge, etc.
Die Bekämpfung von Blacken (Rumex obtusifolius), einem Unkraut, ist nun im biologischen Anbau aufwändiger, da kein Herbizid mehr gespritzt werden darf. Nun müssen wir die Pflanzen ausgraben und trocknen, statt sie kurz mit etwas Herbizid zu bespritzen.

Ernte

Gleich beim Ernten werden die Äpfel und Birnen ein erstes Mal nach Grösse und „Schönheit“ sortiert. Meist werden sie in 1. Klasse, 2. Klasse, manchmal Industrie (für diverse Apfelprodukte) und Most unterteilt. Nur faulende Äpfel können nicht verwertet werden. Die Kriterien sind zum Teil recht strikt und viele Früchte werden schon einmal aussortiert. In letzter Zeit gab es aber Entwicklungen, z.B. die Aktion „Ünique“ von Coop, wo auch Früchte mit einigen Mängeln (z.B. Hagelschlag) abgeliefert und verkauft werden können. So kommen auch die nicht so perfekten, aber trotzdem schmackhaften, Früchte ins Regal.

Absatz

Die Äpfel werden im Herbst regelmässig bei uns abgeholt und in der Zentrale (bei uns: Tobi Seeobst AG) gewaschen, nochmals sortiert und gelagert. Von dort kommen sie dann bei Bedarf in die Geschäfte.

Probleme

Der Ernteerfolg ist sehr unsicher, denn das Wetter muss mitspielen. Wie dieses Jahr, kann es z.B. vorkommen, dass grosse Teile der Blüten (wir können es bei uns im Moment noch nicht genau abschätzen) erfrieren und es wahrscheinlich wenig Ertrag gibt. Aber auch Trocken- oder Nass- und Kälteperioden zu kritischen Zeitpunkten können die Ernte hinsichtlich Menge, Qualität und Zeitpunkt beeinflussen oder Infektions- und Pilzkrankheiten fördern. Hagelschäden können durch Hagelnetze vermindert werden. Da die Bioproduktion weniger aggressive Mittel gegen Krankheiten erlaubt, hat diese natürlich auch einen Einfluss auf solche Unsicherheiten.

 

Text von: Stefanie Henauer / Bildquelle: Stefanie Henauer