Der Imperialismus ist tot, es lebe der Imperialismus! Wer gedacht hat, dass die Zeit der imperialen, ausbeuterischen Strukturen schon vor mehreren Jahrzehnten zu Ende ging, hat sich getäuscht. Auch heute gibt es eine ausgeprägte globale Ungleichheit. Die industrialisierten Länder (der «globale Norden») leben nach wie vor auf Kosten der Entwicklungsländer (dem «globalen Süden»). Ihre sozialen und geographischen Ressourcen (Arbeitskräfte, seltene Erden, nährstoffreiche Böden, etc.) werden durch intensive Landwirtschaft, Bergbau und Fabriken ausgebeutet und der Gewinn kommt dem globalen Norden zugute. Gleichzeitig haben aber auch sie die Kosten der Lebensweise des Nordens zu tragen, etwa durch Naturkatastrophen, die durch Klimawandel oder extraktive Landwirtschaft verursacht werden. Zu dieser räumlichen Auslagerung von Problemen vom globalen Norden in den Süden kommt auch noch eine Externalisierung in der Dimension Zeit hinzu. Indem wir die Umwelt und das Klima mit unserer Lebensweise schädigen, wir davon aber nicht direkt betroffen sind, verlagern wir die Kosten auf zukünftige Generationen.

Um die beschriebene Lebensweise geht es im kürzlich erschienen Buch von Ulrich Brand und Markus Wissen mit dem prägnanten Titel «Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus»1. Ein Freund empfahl es mir vor kurzem und obwohl es sehr komplex geschrieben ist, verschlang ich es innerhalb von nur zwei Wochen. Die beiden Sozialwissenschaftler aus Deutschland und Österreich bringen die Ungerechtigkeiten unserer heutigen Lebensweise treffend auf den Punkt. Sei es durch den Kauf von Smartphones oder den Verzehr von Fleisch, unser alltägliches Handeln basiert auf diesen Ungleichheiten. Der «globale Kapitalismus» bildet darauf sein Fundament, auf dem er seine Strukturen entfalten kann.

Brand und Wissen beschreiben in ihrem Buch die Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Lebensweise, versuchen aber auch Alternativen zu bieten. Gleichzeitig warnen sie vor falschen Alternativen wie einem «grünen Kapitalismus» mit CO2-Handel oder allzu stark subventionierten Elektroautos. Ein ganzes Kapitel widmen sie dem subjektiven Status der Autos in unserer Gesellschaft.

Die – meist unbewusst praktizierte – imperiale Lebensweise ist für die heutigen Krisen verantwortlich. Auf der Suche nach Lösungen aus der Krise kommen völlig verkehrt laufende Ideen zutage:

«Die drängenden sozialen Fragen werden weiterhin islamophob und rassistisch, nationalkonservativ, antifeministisch und ausschließend thematisiert. Die vermeintlich einfachen Antworten bestehen insbesondere darin, anderen Menschen ihr Aufenthalts- und in vielen Fällen ihr Lebensrecht zu versagen.»2

Damit erklärt die imperiale Lebensweise auch Phänomene wie den Brexit oder die Wahl von Donald Trump.

Der Ausweg aus der imperialen Lebensweise ist ebenso unspektakulär wie ihre Entstehung:

«Die – durchaus strategisch von Unternehmen und Staat gewollte – Einschreibung der imperialen Lebensweise in Alltag und Körper legt nahe, [dass die Alternativen] darin bestehen, sich den heutigen Lebens- und Konsumnormen zu entziehen, explizite und implizite Regeln nicht mehr zu befolgen, bestimmte Praxen und Nahelegungen nicht mehr zu akzeptieren und zu unterbrechen. SchülerInnen verbannen die CocaCola-Automaten aus der Schule, Fleisch wird nicht mehr gegessen, der Besitz eines Autos nicht mehr erstrebenswert».3

Es liegt also an jedem einzelnen, etwas an sich zu ändern!

Die Lektüre von «Imperiale Lebensweise» empfehle ich jedem/r Leser/in, der/die sich für Globalisierungs-, System- und Kapitalismuskritik und Nachhaltigkeit interessiert. Natürlich wäre es am besten, wenn es alle Menschen lesen würden, doch liegt es nicht gerade in der imperialen Lebensweise, dass sich viele gar nicht damit befassen (möchten)? Aber Achtung: als Bettlektüre vor dem Einschlafen ist das Buch eher ungeeignet: zum einen wegen der komplexen und wissenschaftlichen Schreibweise der beiden Autoren (die es aber benötigt, um ihre Thesen auf den Punkt zu bringen), aber auch, weil das Buch stark zum Nachdenken anregt!

 

Verweise:

1: Brand Ulrich, Wissen Markus, Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus, oekom-Verlag, München 2017.

2: Brand/Wissen, Imperiale Lebensweise, S. 165f.

3: Brand/Wissen, Imperiale Lebensweise, S. 177f.

 

Text von: Jan Zumoberhaus / Bildquelle: Jan Zumoberhaus