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Unscheinbar, weit verbreitet und doch eine Problempflanze: der Kirschlorbeer als kaum bekannter Neophyt

Seit mehreren Jahren hört man in den Nachrichten neben Klimawandel vermehrt von einer weiteren negativen Umweltauswirkung der Globalisierung: die Verbreitung von sogenannten Neobiota, also Lebewesen, die mit oder ohne Zutun des Menschen von einem Lebensraum in einen anderen gewandert sind, sich dort etablieren und oft ursprünglich in diesem Raum vorkommende Lebewesen verdrängen. Dieses Phänomen lässt sich seit der Entdeckung Amerikas 1492 beobachten, als über den kolonialen Handel vor allem Pflanzen, aber auch Tiere und andere Lebewesen von einem Kontinent in den anderen transportiert wurden. Ein bekanntes Beispiel sind die Kaninchen, die mit den Europäern nach Australien kamen und sich dort rasant verbreiteten. Vor allem in den letzten Jahrzehnten mit Aufkommen von globalem Handel und Tourismus haben sich gewisse invasive Arten in neuen Lebensräumen etabliert. Indem sie einheimischen Arten die ökologischen Nischen streitig machen, hat dieses Phänomen einen Einfluss auf das ökologische Gleichgewicht und die Biodiversität. Sie können auch direkten Einfluss auf den Menschen haben, etwa durch ökonomische Folgen. So wurde etwa der Asiatische Laubholzbockkäfer (Anoplophora glabripennis) nach dem Jahr 2000 über Verpackungen von Asien nach Europa eingeschleppt und droht grosse Waldbestände zu vernichten. Eine Pflanze, die beim Stichwort «Neophyten» – also eingeschleppte, invasive Pflanzen – immer wieder genannt wird, ist das Aufrechte Traubenkraut, besser bekannt unter seinem lateinischen Namen Ambrosia (A. artemisiifolia). Es kann bei Allergikern zu schweren Heuschnupfensymptomen und Asthma führen, was wiederum viele volkswirtschaftliche Kosten nach sich zieht. Zum Glück wurde Ambrosia in den letzten Jahren in der Schweiz fast ausgerottet.

Neben diesen bekannten Arten möchte ich in diesem Artikel vor allem auf eine invasive Pflanzenart aufmerksam machen, die man vielleicht nicht direkt kennt, aber in vielen Gärten der Schweiz vorkommt: der Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus). Diese buschförmige Pflanze hat ziemlich grosse, dunkelgrüne und glatte Blätter, zarte weisse Blüten (s. Foto 1) und leicht traubenförmig angeordnete, schwarze Beeren (s. Foto 2) und kommt ursprünglich aus Westasien. Der Kirschlorbeer wird in Gärten vor allem als Busch- oder Heckenpflanze genutzt, da er sehr schnell wächst, einfach zu pflegen ist und vor neugierigen Blicken schützt, indem er kaum Licht durchlässt. Doch was ist das Problem des Kirschlorbeers für unsere einheimische Pflanzenwelt? Die Pflanzen verbreiten sich von den Gärten in die freie Natur, indem ihre Früchte von Vögeln verspeist werden und sich so die Samen überall verteilen. Dies an sich ist bei Neophyten noch kein Problem, denn es muss nicht heissen, dass die Samen Wurzeln schlagen und sich die Pflanze in der Wildnis etabliert. Doch leider ist der Kirschlorbeer eine sehr anspruchslose Pflanze; er braucht nicht sehr viel Wasser und praktisch kaum Licht um zu gedeihen. Damit stellt er vor allem in Wäldern ein Problem dar, da er dort mit seinen grossen Blättern die Bodenvegetation und die Waldverjüngung behindert. So kann es geschehen, dass neben den ausgewachsenen Bäumen in einem Waldstück fast nur noch der Kirschlorbeer vorkommt (s. Foto 3). Da aber artenreiche Wälder verschiedene Funktionen wie Biodiversität, Holzversorgung oder Schutz vor Lawinen oder Erdrutschen bereitstellen, kann ein weit verbreiteter Kirschlorbeer langfristig negative Folgen haben.

Leider kommt der Kirschlorbeer heute in sehr vielen Gärten vor, zum Teil bewusst angepflanzt (noch immer vertreiben viele Gärtnereien die einfach zu handhabende Pflanze), zum Teil auch wild gewachsen und einfach stehen gelassen. Sogar die Universität Fribourg hat an ihrem Standort Miséricorde ein ganzes «Feld» Kirschlorbeer (s. Foto 4). So macht es aus Sicht des/der Einzelnen wenig Sinn, denn Kirschlorbeer im eigenen Garten zu unterdrücken, da es immer andere Standorte geben wird, wo er in Ruhe gelassen wird.

Doch wie bei vielen Umweltproblemen ist man auch hier auf den/die Einzelne/n angewiesen, sei es durch Sensibilisierung oder durch Ausrottung auf dem eigenen Grundstück. Was kann man konkret tun? Zum einen ganz einfach Freunde, Bekannte oder Verwandte, die Kirschlorbeer in ihren Gärten haben, auf die schädlichen Auswirkungen aufmerksam machen. Wenn man bereits selber Kirschlorbeer im Garten hat, ist es allerdings schwierig, ihn dauerhaft daraus zu entfernen. Bei jungen Pflanzen genügt meist ausreissen, doch bei älteren, verholzten Exemplaren ist dies praktisch unmöglich. Ein weiteres Problem stellt dabei die Verbreitung durch Wurzelausläufer dar; wenn also nur ein kleiner Teil der Wurzel im Boden bleibt, dann wächst der Strauch wieder. Deshalb macht etwa auch Fällen nur in Kombination mit anderen Massnahmen Sinn; z.B. mit Ausgraben des gesamten Wurzelstocks (allerdings sehr aufwendig) oder indem man die neuen Ausschläge über mehrere Jahre (mehrmals jährlich) zurückschneidet. Wurzelteile gehören dabei in den Kehricht und nicht in den Kompost. Eine weitere Möglichkeit ist den Wurzelstock mit einer lichtundurchlässige Plastikfolie (z.B. ein Abfallsack) vollkommen und grosszügig abzudecken und mit Steinen zu beschweren, so dass er nicht mehr ausschlagen kann. Dabei sollte allerdings bedacht werden, dass die Folie nach mehreren Jahren wieder entfernt werden muss, damit sie nicht die Umwelt nachhaltig beeinträchtigt. Die einfachsten Methoden sind natürlich den Strauch mehrmals jährlich zurückzuschneiden (damit er möglichst keine Blüten und Früchte bilden kann) oder ihn selbstverständlich gar nicht erst anzupflanzen oder gedeihen zu lassen.

Ich hoffe, ich konnte mit diesem Artikel einige Leute auf ein Problem aufmerksam machen, das vielen vielleicht nicht so bekannt ist. Wer sich weiter über Neobiota und den Kirschlorbeer informieren möchte: Bund und viele Kantone engagieren sich seit längerem im Kampf gegen invasive Pflanzenarten und haben deshalb auch verschiedene Flyer und Internetseiten zum Thema erstellt. Hier eine Auswahl:

Text von Jan Zumoberhaus / Bildquellen: (Beitragsbild) Flickr / Stanze; (1) Flickr / Stanze; (2) Flickr / Stanze; (3) Kanton Luzern, Praxishilfe Neophyten. Problempflanze erkennen und richtig behandeln, 2012, S. 38; (4) Jan Zumoberhaus. 

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