Die Schweiz besitzt eine Vielzahl an Ressourcen, jedoch sind diese bekannterweise eher von finanzieller und sozialer Natur als von materieller. Doch immer mehr zeigt sich, dass auch die Schweiz eine unsichtbare Schatztruhe voller kostbarer materieller Ressourcen besitzt: Unsere Abfälle. Mit steigendem Wohlstand importiert die Schweizer Bevölkerung Unmengen an Material und Ressourcen in Form von Gütern. Und nachdem ein Gut seinen Dienst erfüllt hat, wird es zu Abfall. Was dabei fast immer vergessen geht, ist, dass ein Grossteil der Ressourcen immer noch in den von uns weggeworfenen Gegenständen vorhanden bleibt. So hat die Fanta-Dose für uns keinen Wert mehr, wenn wir sie leergetrunken haben. Jedoch ist das Aluminium von unschätzbarem Wert, wenn man es als ewig recycelbares Material betrachtet. Auch ganz andere Produkte – von den PET-Flaschen bis zum Notebook – enthalten als Überbleibsel unseres Konsums wiederverwertbare und wertvolle Inhaltsstoffe wie Aluminium, Eisen, PET, Glas, Kupfer, seltene Erden und einiges mehr.

Seit einigen Jahren hat auch der Privatsektor den Wert des Abfalls erkannt: So hat sich in der Schweiz ein weltweit einzigartiges privatwirtschaftliches System entwickelt, welches für die Sammlung und Wiederaufbereitung von recycelbaren Ressourcen sorgt. Das Recycling gewisser Materialien wie beispielsweise Aluminium von Alugetränkedosen lohnt sich insbesondere finanziell für die vielen unterschiedlichen Akteure, die am Recyclingsystem der Schweiz teilnehmen. Auch wenn das System zu funktionieren scheint, kommen – paradoxerweise – gerade mit dem Erfolg einige Schwierigkeiten einher.

Das Dilemma der Verwertung

Die Schweizer Gesetzgebung legt fest, dass Siedlungsabfall so weit wie möglich vermieden, verwertet oder verbrannt werden soll. So soll das Entstehen von gesundheits- und umweltgefährdeten sowie raumeinnehmenden Abfalldeponien verhindert werden. Daher geht ein Grossteil des Siedlungsabfalls zumindest in der Schweiz direkt in die Kehrrichtverbrennungsanlage. Durch die Verbrennung kann Strom produziert werden, welcher dadurch nicht durch andere Quellen wie beispielsweise Kohlekraftwerke generiert werden muss. Auch das Verwerten der Schlacke am Ende des Verbrennungsprozesses ist seit jüngster Zeit ein Thema.

Für die vielzähligen und vielfältigen Akteure, die daran beteiligt sind, dass der Abfall von der Sammelstelle zur Kehrrichtverbrennungsanlage kommt, stellt der Abfall auch eine wirtschaftliche Grundlage dar. Doch diese Akteure kommen immer mehr unter Druck und haben finanzielle Einbussen, wenn der Abfall stattdessen separat gesammelt und recycelt wird. Denn durch das Recycling entgehen ihnen immer mehr gutbrennbare Stoffe, wie das Plastik, welche sie für die Stromproduktion brauchen. Neben diesen Akteuren sind auch diejenigen des Recyclingsystems an unserem Abfall interessiert. Sie stellen für die Kehrrichtverbrennungsanlagen eine ernstzunehmende Konkurrenz dar, da die Recyclisten ihnen quasi den Müll wegnehmen. Dieses Seilziehen um den Abfall zeichnet sich immer mehr in einem Interessenkonflikt ab.

Um einen Konflikt um Abfälle beziehungsweise einen Konflikt um Ressourcen in der Schweiz vorzubeugen, finden nun sogenannte „Trialoggespräche“ zwischen den betroffenen Parteien statt. Diese sind eigentlich dafür da, das veraltete Abfallleitbild von 1986 zu erneuern, welches für die gesetzlichen Bestimmungen massgebend ist. Deswegen handelt es sich bei der dritten beteiligten Partei um die zuständigen kantonalen Ämter. Inzwischen werden die „Trialoggespräche“ auch genutzt, um einen Ressourcenkonflikt zu vermeiden. Wird keine Lösung für beide privatwirtschaftlichen Seiten gefunden, müssen sie befürchten, dass das Bundesamt für Umwelt dies top-down für sie regelt.

Abwägung der Interessen und Vorteile

Das Verwerten scheint dem Verbrennen von Abfall eindeutig überlegen zu sein: Durch ein Recycling kann das Material andernorts substituiert werden. So muss beispielsweise ein Getränkeabfüller weniger neues PET bestellen, beziehungsweise durch Erdöl herstellen lassen, wenn er das ebenso gute Rezyklat nutzen kann. Die Ressourcen werden weniger in Anspruch genommen, der Recyclingprozess braucht weniger Energie und es wird erst noch weniger CO2 ausgestossen. Dies mag wohl für einige Materialien stimmen, jedoch bestimmt nicht für alles, was recycelbar ist. Es ist möglich, dass es unter dem ökologischen Aspekt sinnvoller ist, wenn das Material in einer Kehrrichtverbrennungsanlage thermisch verwertet, also zur Stromproduktion genutzt wird. Dabei wird das Produzieren von neuem Strom substituiert und sogar die Schlacke kann verwertet werden. Auch müssen weniger aufwendige Schritte zur Sortierung des Abfalls vorgenommen werden als beim Recycling. Wann welches Vorgehen sinnvoller ist, muss jedoch erst noch durch Ökobilanzen abgeklärt werden.

Fazit

In jüngster Zeit hat sich nicht nur die Zusammensetzung, sondern auch die Wahrnehmung von Abfall völlig gewandelt. Die Überbleibsel unseres Konsums werden nicht mehr nur als belastender Müll betrachtet, sondern zunehmend als verwertbare Ressource. Nun stehen verschiedene Interessen einander gegenüber, wenn es um den Umgang mit Abfall geht. Sowohl das Verbrennen als auch das Recyceln haben ökologische Vorteile und stellen für viele Akteure die wirtschaftliche Grundlage dar. Wie soll es damit weitergehen?

Meiner Meinung nach darf man das Subsystem Abfall nicht getrennt von seinem Kontext betrachten. Wenn wir wollen, dass unser Dasein in ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht nachhaltig wird, muss sich nicht nur das Abfallsystem ändern, sondern vieles mehr. So würde der ökologische Vorteil des Verbrennens verschwinden, wenn die Energiewende erst geschafft wurde und erneuerbare Energien für ökologischeren Strom sorgen. Aus diesem und aus weiteren Gründen scheint es mir sinnvoller, die Materialkreise so weit wie möglich durch das Recycling zu schliessen und so eine weitere Ausbeutung und Belastung der Natur zu verhindern. Auch das Konfliktpotenzial, welches mit den Ressourcen einhergeht, könnte damit vermindert werden.

 

Text von Evelyn Frischknecht / Bildquelle: Flickr / Scott Macpherson