Enough is as good as a feast.

(englisches Sprichwort)

Man stelle sich ein Fischerdorf in Polynesien (Ostasien) vor. Jeden Tag gehen die Fischer als Dorfgemeinschaft aufs Meer zu Fischen. Am Abend teilen die Fischer den Teil der Beute, den sie nicht benutzen können mit anderen. So macht es auch nichts, wenn jemand einmal krank ist oder nichts gefischt hat. Man schaut auch gleichzeitig darauf, dass man die Fischgründe nicht übernutzt.

Eines Tages kommt ein australischer Experte in das Fischerdorf und rät den Fischern, ihren Fischfang zu erhöhen, indem sie Fischerorganisationen gründen und häufiger und mit grösseren Booten fischen. Den höheren Ertrag sollen sie auf dem Markt verkaufen und so an Wohlstand gewinnen. Die Fischer nehmen den Rat des Australiers an. Sie können die Fische dem Eigentümer der Boote verkaufen und der wiederum verkauft sie auf dem Markt. Nach kurzer Zeit aber übernutzen sie die Gewässer und ihre einzige Einkommensquelle ist versiegt.

Solange die Fischer nur für den Eigenbedarf produzieren, arbeiten sie nur so lange bis sie genug Fische haben. Sobald die Fischer aber für den Markt produzieren, beginnt die „ökonomische Rationalität“, bzw. das „rechnerische Kalkül“ zu wirken. Ist es sinnvoll, ein grösseres Netz zu kaufen um mehr Fische zu fangen? Wie würde ich Zeit sparen? Wie kann ich noch mehr Fische fangen? Daraus entsteht eine Konkurrenz zwischen den Fischern. Jeder möchte möglichst viel in möglichst kurzer Zeit fischen. Die Folgen sind offensichtlich; die Fischgründe werden übernutzt.

Wenn man die Probleme des Fischerdorfs mit den aktuellen Problemen der Welt bezüglich Nachhaltigkeit miteinander vergleicht, sieht man sehr viele Ähnlichkeiten. Die aktuell entscheidendsten Fragen sind nicht, welches Auto das energiesparendste ist oder ob man vermehrt auf Windkraft statt Atomkraft setzen sollte (gleichwohl sind diese Fragen angesichts des Klimawandels nicht zu unterschätzen). Die Welt sollte sich vielmehr fragen, wie sie wieder in die heile Welt des Fischerdorfs zurückkehren kann. Die Antwort darin liegt leider gerade im Rückgrat unserer Marktsysteme (ob kommunistisch oder kapitalistisch geprägt): nämlich im Konsum jedes einzelnen Menschen.

In den folgenden Zeilen möchte ich die Problematiken der Konsumgesellschaft erläutern. Als Stütze dafür dienen mir die Werke des österreichisch-französischen Konsumkritikers André Gorz (1923-2007). Eine Bemerkung sollte dabei aber voran noch genannt werden: wenn ich nachfolgend von „Konsum“ spreche, meine ich prinzipiell den materiellen Konsum. Daneben gibt es auch noch den Konsum von immateriellen Gütern (z.B. Wissen, Kultur oder Sport), jedoch sollte dabei nicht vergessen werden, dass wir auch dazu oft materielle Güter verwenden (z.B. Bücher, Kulturgegenstände oder Sportartikel).

Die zentrale Problematik unserer heutigen Gesellschaft sieht Gorz darin, dass wir Menschen nicht mehr wissen was es eigentlich heisst, „genug“ haben. Dabei stellt er die These auf, dass wir dieses Wissen mit dem Aufkommen des Kapitalismus verloren haben. In der traditionellen Ständegesellschaft „stellte das Verlangen, mehr zu haben, in sich bereits einen Angriff auf die Weltordnung dar“. Mit dem Aufkommen des Kapitalismus habe die ökonomische Rationalität die religiöse Moral ersetzt. Der Geldverleih war den Christen in der traditionellen Gesellschaft verboten. Im Kapitalismus begannen die Banken aber Geld zu verleihen und das Kapital entstand. „Sobald man beginnt, den Reichtum in Zahlen zu messen, gibt es kein genug mehr“, es gibt nur mehr oder weniger. „Der Zweck der Arbeit war nicht mehr, konkret empfundene Bedürfnisse zu befriedigen“; der Arbeiter wollte nun möglichst viel Geld verdienen, um möglichst viel konsumieren zu können. Denn wer mehr verdient, gilt in der kapitalistischen Gesellschaft auch mehr. Das Ansehen wächst; nicht nur der Besitz materieller Güter. Gemäss Gorz’ Theorie wollte der Arbeiter seine „Berufsehre“, die er in der Akkordarbeit und an den Montagebändern verloren hat, im Konsum kompensieren. Nur durch den Konsum materieller Güter kann man glücklich werden.

Das gleiche Problem entsteht im Übrigen auch in sozialistisch-kommunistischen Systemen und eine Rückkehr zur traditionellen, gottgegeben Ständeordnung ist kategorisch auszuschliessen. Wie also soll von diesem grenzenlosen Konsum (und damit vom grenzenlosen Verbrauch von Ressourcen und von der grenzenlosen Verschmutzung und Ausbeutung unserer Umwelt) wegkommen? „Die Idee des Ausreichenden – die Idee einer Grenze, jenseits welcher wir zu viel produzieren oder kaufen würden, das heißt mehr als wir verbrauchen –, berührt weder die Ökonomie noch die ökonomische Vorstellungskraft.“ Folglich müssen wir uns, wenn es um Konsum geht, möglichst von der ökonomischen Rationalität lösen und den Wert des Lebens nicht in der Quantität von materiellen Gütern suchen.

Dies kann bereits jeder einzelne Mensch in seinem alltäglichen Leben tun indem er sich beispielsweise folgende Fragen stellt:

  • Brauche ich wirklich ein neues T-Shirt, ein neues Handy oder eine Reise in die Karibik? Passen mir die alten T-Shirts nicht mehr? Funktioniert das alte Handy nicht etwa doch noch? Kann ich nicht ein einfacheres und näher liegendes Reiseziel wählen?

  • Bin ich bereit, ein bisschen mehr für qualitativ gute Waren zu bezahlen? Die Qualität kann z.B. in der Langlebigkeit und Effizienz der Ware oder darin zu finden sein, dass das Produkt regional hergestellt wurde. Bin ich bereit, dafür auch auf etwas Anderes zu verzichten?

  • Woher stammen eigentlich meine Bedürfnisse nach materiellen Gütern? Habe ich nur deswegen immer das neuste Handy, weil alle anderen das auch haben? Wer sagt mir, was ich brauche, meine Familie, die Verkäuferin oder gar etwa die Werbung? Sollte ich das nicht selber bestimmen können?

  • Wieso messe ich materielle Gütern und dem Geld einen solch hohen Wert zu? Gibt es nicht Dinge, die ich mit Geld nicht kaufen kann? Ist Zeit wirklich nur Geld oder nicht doch etwas anderes?

Wenn sich alle Menschen diese Fragen stellen würden und diese auch wahrheitsgemäss beantworten, dann werden sie bald auch wieder lernen, zu erkennen wo die Grenze unserer Bedürfnisse tatsächlich liegt und was „genug“ eigentlich bedeutet!

Weiterführende Literatur und Zitate aus:

  • Binswanger Hans Christoph, Die Wachstumsspirale, Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses, Marburg 42013.

  • Georgescu-Roegen Nicholas, The Entropy Law and the Economic Process, Cambridge, Mass. 1971.

  • Georgescu-Roegen Nicholas, Energy and Economic Myths, in: Southern Economic Journal, Jg. 41, Nr. 3 (1975), 347-381.

  • Gorz André, Auswege aus dem Kapitalismus, Beiträge zur politischen Ökonomie, Rotpunktverlag, Zürich 2009.

  • Gorz André, Kritik der ökonomischen Vernunft, Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft, Rotpunktverlag, Zürich 2010.

  • Gorz André, Ökologie und Politik, Beiträge zur Wachstumskrise, Reinbek bei Hamburg 1977.

  • Gorz André, Ökologie und Freiheit, Beiträge zur Wachstumskrise 2, Reinbek bei Hamburg 1980.

  • Meadows Dennis, Meadows Donella, Zahn Erich, Milling Peter, Die Grenzen des Wachstums, Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972.

Text von Jan Zumoberhaus / Bildquelle: Flickr / Daniele Valdifiori